Rezension - Hannahs Briefe | Ronaldo Wrobel

Ein kleiner Einblick:

Rio de Janeiro 1935, kurz vor Beginn des zweiten Welrkrieges.Der jüdische Schuhmacher Max Kutner, der in Polen zur Welt kam, zieht sich nach Brasilien zurück, da er einfach nur seine Ruhe haben möchte. Für Politik interessiert er sich nicht sehr, er möchte einfach nur Schuhe reparieren und lebt still und unscheinbar im jüdischen Viertel um die Praça Onze. Als die Polizei ihn plötzlich vorlädt, ahnt er nichts Gutes, hat er doch selbst einen nicht legalen Weg gewählt, in Brasilien einreisen zu können. Aber der Staat verlangt etwas ganz anderes von ihm: Er soll die hiesige Polizei der Jagd auf Kommunisten unterstützen und abgefangene Post vom Jiddischen ins Portugiesische übersetzen, deren Inhalt womöglich eine Gefahr für das von Vargas geführte Brasilien werden könnte. Er fügt sich, da ihm keine Wahl bleibt und stößt so auf die Korrespondenz zwischen Hannah und ihrer Schwester Guita. Die Briefe prägen sich in sein Gedächtnis und er beschließt, dass er Hannah unbedingt finden und kennenlernen muss. Der Inhalt der Briefe gibt ihm Hinweise, wo er suchen könnte, doch immer vergebens - bis sie eines Tages plötzlich in seiner Werkstatt steht, um Schuhe reparieren zu lasse

Max steht vor einer wunderbar aussehenden Frau, die aber sonst in keiner Weise seiner romanischen Vorstellung entspricht, die er aufgrund der schon fast poetisch angehauchten Briefe von ihr hegte. Denn wie sich herausstellt, ist Hannah eine Edelhure - und noch dazu Spionin. Seit sie in Max' Leben getreten ist, erlebt dieser ein Wechselbad der Gefühle und sein sonst so bescheidenes Leben nimmt eine rasante Wendung.

Meine Gedanken zu dem Buch:

Ronaldo Wrobel hat mit "Hannahs Briefe" ein Werk geschaffen, welches mich schlichtweg begeisterte! Um was geht es in diesem so bewegenden Roman? Der Autor gewährt uns einen Einblick in das Brasilien der 20er und 39er Jahre - der jüdische Einwandererstrom aus Europa, der zu dieser Zeit nicht abzureissen schien, hat tiefe Spuren in der brasilianischen Gesellschaft hinterlassen und das Land geprägt, einen neuen Charakter verliehen. Jüdische Viertel wie das um die Praça Onze in Rio de Janeiro, in dem unser Hauptprotagonist Max Kutner lebt und friedfertig seinem Schuhmacher-Handwerk nachgeht, gab es viele - aber hier in diesem Viertel hält sich Ronaldo Wrobel auf und lässt uns teilhaben an Max Kutner's berührenden Geschichte um "Hannahs Briefe". Denn genau diese Briefe veränderten alles in seinem Leben. Max gerät in einen Strudel voller neuer Erfahrungen und Verstrickungen und dabei wollte er einfach nur Schuhe reparieren

"Für den Großvater erklärte sich der Beruf aus dem Los der Familie als ewig herumirrender Juden:Gute Schuhe bezwangen Kälte und Entfernungen. Und was anderes hatten die Juden denn in den letzten Jahrtausenden gemacht, als durch die Weltgeschichte zu irren und der nächsten Vertreibung zuvorzukommen?"Seite 6

Wer glaubt, dass es in diesem Buch nur um eine Liebesgeschichte der 20er Jahre geht, der irrt! Dieses Buch hat so viel mehr zu bieten. Vor schon fast exotischer Kulisse wurde ich geradezu hineingezogen in die damaligen Geschehnisse. Mehrere Handlungsstränge laufen parallel ab und ich lernte viele Personen aus den verschiedensten Ländern kennen. Und doch haben alle auf irgend eine Weise miteinander zu tun. Die Handlungen laufen alle in Brasilien zusammen und mehr als einmal staunte ich über die plötzlichen Wendungen der Geschehnisse. Manches schockierte / bedrückte mich, aber Krieg, Bespitzelung und auch Prostitution im grossen Stil gehörten leider zu dieser Zeit. Aber vieles berührte mich auch und Max Kutner selbst faszinierte mich auf eine ganz besondere Art und Weise. Der Autor lässt Max so lebendig erscheinen, sein Charakter, seine Einstellung zu den Dingen, die um ihn herum geschehen, lassen ihn sehr authentisch wirken. Er fabuliert gerne über das Erlebte, über seine Erfahrungen und es ist eine wahre Lesefreude, an seiner Seite durch Rio zu wandern.

Politische Sticheleien, hintergründige Humor und eine Portion Sarkasmus würzen diese Geschichte, während der Erzählstil schon fast poetisch erscheint. Hannahs Briefe, die sie an ihre Schwester schreibt und die Max so faszinieren und ihn bewegen, sind im Buch immer in einer kursiven, leicht geschwungenen Schrift wiedergegeben und sie stecken voller tiefgründiger Gedanken, voller Poesie, manchmal auch voller Selbstzweifel und Kritik.

Mit viel Feingefühl brachte der Autor mir die Stimmung der damaligen Zeit näher, machte mich mit diversen politischen Fakten vertraut und zeigte mir auf, was in den Menschen dieser Zeit vorging, welche inneren Kämpfe sie zu fechten hatten im großen Kampf um Liebe, Macht und politische Intrigen. Auch zum Ende hin hält der Autor nochmals eine überraschende Wendung für uns bereit und als ich das Buch zu schlug, tat ich es trotz manch beklemmender Vorkommnisse mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Kurz & gut - mein persönliches Fazit

Lesen, lesen, lesen! - Dieses Buch ist einfach eine absolute Buchperle, die ich in meinem Bücherregal definitiv nicht mehr missen möchte! Ein Buch, dass unglaublich viel Tiefe aufweist, dass berührt, dass nachdenklich stimmt und emotional packt und dass einen lange nach dem Lesen noch nicht loslassen mag. Und doch ist es so leicht zu lesen, fast wie eine Feder ... Ich bin so begeistert vom Stil des Buches, von der Handlung, der Schreibweise, der Darstellung der Charaktere - ein rundum gelungenes Werk! ich hoffe sehr, dass ich bald mehr von Ronaldo Wrobel lesen kann und darf

© Rezension: Alexandra Zylenas

[alexandra]

Labels: , ,